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Auf Fernwehreisen – Rückblick auf das 12. Fernwehfestival Göttingen

Jedes Jahr im Januar packt mich die Lust auf Fernweh. Schuld daran sind nicht nur die exotisch bunten Ankündigungsplakate in der Göttinger Innenstadt, sondern auch die guten Erfahrungen, die ich auf mittlerweile schon vier Göttinger Fernwehfestivals sammeln durfte.
Dieses Jahr hatte ich mir zwei Vorträge ausgesucht, in denen es mit allen erdenklichen Fortbewegungsmitteln (außer dem Flugzeug) von Deutschland aus nach Osten ging, weit nach Osten, bis zum Baikalsee und nach Shanghai.
Meine Fernwehreise begann am Sonnabend mit den beiden Zwillingen Paul und Hansen Hoepner, die in sieben Monaten von Berlin über den Müggelsee, Moskau, Kasachstan, Kirgisien, China, das Dach der Welt bis nach Shanghai radelten. Und das, obwohl sie weder das Ziel der Reise noch das Fahrradfahren an sich besonders interessierte. Interessantes zu berichten hatten sie dennoch: über selbstkonstruierte Kamelkackeöfen und wohlschmeckende Heuschrecken in der kasachischen Steppe, humorvolle chinesische Grenzbeamte an der Grenze zu Kirgisien und ihre humorlosen Kollegen an der Grenze zu Tibet sowie über ein Frühstück bei tibetischen Mönchen, bestehend aus vielen Chilischoten mit wenig Yakfleisch.
Im Mittelpunkt stand jedoch die Geschichte zweier Brüder, die ein großes Abenteuer erleben wollten und über hohe Berge und durch tiefe Täler gemeinsam ihr Ziel Shanghai erreichten. Begleitet wurde diese Geschichte durch kleine, anekdotenhafte, absurd, sympathische Filme, in denen man in den besten Momenten nur das Flüstern des Windes auf den Hochebenen des Himalaya hörte.
Fernwehfestival

Am Sonntag ging es dann nach Russland. Auch wenn es am verschneiten Vortag atmosphärisch passender gewesen wäre. Was ist schließlich ein Vortrag über Sibirien ohne echten Winter?
Begonnen hat die Liebe von Holger Fritzsche zu Russland jedoch auf einer Reise zum Schwarzen Meer und auf die Krim, die noch vor nicht allzu langer Zeit einfach nur ein Urlaubsort und kein Streitobjekt der Weltpolitik gewesen ist. Auf vielen weiteren Reisen ging es mal mit dem Gleitschirm über den Kaukasus, mal mit der Transsibirischen Eisenbahn oder mal mit dem eigenen Auto über den Ural und weiter durch sibirische Dörfer bis zum Baikalsee. Den sollte man vor allem Winter besuchen, wenn der Besuch einer Banja (einer russischen Sauna) nötiger ist als sonst, wenn auf dem 70 Zentimeter dicken Eis die Städter ihre protzigen Geländewagen Pirouetten drehen lassen und die Temperatur auf solche Minusgrade sinkt, bei denen sich nur noch der Wodka wohl fühlt.
Es hat sich wieder gelohnt, die gemütliche Wohnung für ein paar Stunden gegen einen überfüllten Hörsaal einzutauschen, um, wenn auch nur im Kopf, auf Reisen zu gehen und ein wenig Fernweh mit nach Hause zu nehmen.

Zum Autor:
Erst 2010 vom dicken B zwischen Spree und Havel nach Göttingen gekommen, schätzt Kai den Zeitgewinn, den ihm die Stadt mit ihren kurzen Wegen bietet, sowie das Kulturleben und die Universität, die Menschen aus der ganzen Welt nach Süd-Niedersachsen holt.

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